Christopher Heyder

Die schicke Kiste

Eine Frau, die als Bürgermeisterin während der Wende dafür gesorgt hat, das grundlegende Dinge des öffentlichen Lebens nicht verloren gehen und den kurzfristigen Umbau eines Schulgebäudes organisiert hat. Ein Kurztext, entstanden während eines dreiwöchigen Aufenthalts in Lindenberg. Frei nach Erinnerungen von M. P.

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Das Auto war randvoll mit Farbeimern – der Kofferraum bis zum Anschlag, die Rückbank so, dass man gerade noch durch den Rückspiegel sehen konnte. Der Verkäufer hat wahrscheinlich das Geschäft einer ganzen Woche, wenn nicht eines ganzen Monats gemacht. Er hat ihr auf jeden Fall einen sehr guten Preis gemacht und dann noch beim Einladen geholfen. Es galt aber auch die Beine in die Hand zu nehmen, morgen war die Einschulung und die Grundschule noch nicht mal gestrichen.

Drei Leute standen vor dem Gebäude und rauchten. Die Autotür schwang auf, einmal gewunken, die Kippen unter Jesuslatschen und Arbeitsschuhen ausgetreten und in Bewegung gesetzt. Wohin damit? Na an die Wände. Ein Eimer links und einer rechts wurden sie reingetragen und in die zukünftigen Klassenzimmer gestellt. Die Tische und Stühle in der Mitte zusammengerückt, abgedeckt, die Tafeln, Fenster und Türen abgeklebt oder mit irgendeinem Tuch abgehangen. Alle, die eine Malerrolle halten konnten, tauchten sie in Farbeimer und zogen sie über die Wände. Wer noch einen alten Besenstiel fand, steckte die Rolle drauf, legte den Kopf in Nacken und machte die Decke. Wer nicht gerade strich, holte entweder mehr Farbeimer oder ging ins nächste Zimmer und fing dort an abzukleben, zusammenzustellen, abzudecken. Oder wurde aus einem Türrahmen am Ende des Gangs herangewunken, wo sogar noch das Linoleum verlegt wurde, während am Anfang des Gangs schon das erste Zimmer fertig gestrichen war, das Malervlies in den nächsten Raum geschliffen wurde und jemand mit Eimer und Wischmopp die daneben gegangenen Farbkleckse aufwischte. Die Tische und Stühle wurde aufgestellt und die Fenster aufgerissen, damit die Farbe trocknen konnte. Es ging zu wie im Taubenschlag.

Nachdem das Auto leer war, ging sie einmal durch die Räume. Pfiff jemanden ran, um die Leiter festzuhalten, während jemand anderes die Deckenlampe verkabelte. Versuchte einen Überblick zu bekommen, ob die Farbe reichte. In einem Zimmer wurden noch Wände verputzt. Dat wird nüscht, dat muss erst trocknen, bevor da rüber jestrichen wird. Und wann isset trocken? Morgen nachmittach vielleicht. Dann lasst euch wat einfalln, morgen früh is dit jestrichen.

In den stechenden Duft frischer, weißer Farbe mischte sich der deftige Geruch gebratener Bouletten. Ein Stockwerk tiefer wurde schon die Feier vorbereitet. Jemand kam hoch, lief durch die Räume und fragte, ob noch irgendwer Tomatenmark für die Roten Nudeln zuhause hätte. Sonst wird dit eher ne trockne Anjelegnheit. Irgendjemand düste nochmal los. Unten wurden im neuen Speisesaal, die Tische zu einer langen Tafel zusammengeschoben, Servietten als kleine Tischdeckchen in die Mitte gelegt und darauf Teller und Besteck verteilt. An der Wand stapelten sich Bierkästen, in denen einzelne Flaschen Nordhäuser und Goldbrand steckten. Einen Raum weiter wurden von zuhause mitgebrachte, schon vorgekochte Kartoffeln gepellt und geschnitten, dazu kamen Gewürzgurken und die gute Feinkost Majo. In einem großen Topf hing ein Tauchsieder, um das Wasser für die Bockwürste zu erhitzen. Aus zwei Jutebeuteln voll Brötchen wurde eins nach dem anderen genommen, mit einem Brotmesser aufgeschnitten und in einem geflochtenen Korb gesammelt. In der Ecke gurgelte eine Kaffeemaschine vor sich hin. Jemand enthüllte mit großer Geste einen Käsekuchen und einen Blechkuchen mit Pflaumen. Die sind ausem Jarten! Erstmal schaun ob der noch jut is. Nimmst du die Pfoten wech! Die ersten Schürzen wurden gelockert und abgestreift, die ersten Schüsseln rübergetragen.

Derweil setzte in den restlichen Räumen der Endspurt ein: Wer nichts zu tun hatte, bekam einen Besen in die Hand gedrückt oder sammelte Müll ein. Ein Stapel Zeitungspapier wurde herein getragen, mehrere Hände fingen an, in den schon gestrichenen und eingerichteten Zimmern die Fenster zu putzen. Draußen wurden die kleineren Reste Bauschutt mit einer Harke zusammengekehrt und in eine Schubkarre geschippt. Nach und nach wurde eine weitere Tür zugezogen, als Zeichen, dass das Klassenzimmer fertig war. Am späten Nachmittag sah es langsam aus wie eine Schule.

So jut jetze! Den Rest machen wa morgen noch. Sie ging die letzten Räume ab, in denen noch gearbeitet wurde. Hände waschen, Essen fassen!

So langsam fanden sich alle um die lange Tafel herum wieder: Von den ABMern, die den ganzen Laden entkernt hatten, über die Betriebe, die die Wände versetzt, verputzt und neue Leitungen gelegt hatten, dem Architekten und dem Bauleiter, sprich ihr, der Bürgermeisterin. Auf dem Fensterbrett dudelte ein kleines Radio, alle redeten durcheinander, die ersten Kronkorken ploppten. Irgendwer fragte, wo der Senf sei.

So jetz ma Ruhe in der Rappelkiste! Liebe Kollejen!

Vor sagen wa mal fünfundzwanzig Jahrn hab ick drübn im Gasthaus als FDJ-Sekretärin noch wat von Lenin erzählt. Damit der werte Herr Kreissrat danach janz zufrieden zu seinem Zuch jedüst ist, uns ne kleene Prämie dajelassen hat und wir uns ne jute Zeit machen konnten. Heute schreib ick lustje Anträje, für allet ne Begründung und am besten nochn Bildchen jemalt. Damit der werte Westkolleje versteht, dass hier nich allet schlecht war. Das et Dinge jibt, die erhalten werden sollen. In so heißen Zeiten muss man ja uffpassen, dass nich uff eenmal allet untern Hammer kommt. Wir sind jetz seit bald eenem Jahr Bundesrepublik und vielet is uf eenmal anders. Früher brochten wir keenen Zaun um Fußballplatz. Jetze müssen die Fenster für die Klassenzimmer ne bestimmte Größe haben. Meinetwegen. Aber selbst wenn jetz vielet anders ist und manches vielleicht sojar besser, heißt dat nich, dass uff eenmal allet schlecht war. Na sicher ick werd jetz och mal in Strandurlaub fahrn. Aber die Seen hier, sind immer noch jenauso jut. Wir werdn jetz n bisschen mehr von der Welt habn, aber unsere Welt is immer noch hier. Und ejal watt wa in Zukunft nich allet werden haben können: Ick wünsche mir, dass wir vor allem dit erhalten, wat et nich zu koofen jibt: Den Zusammenhalt. Sich einander helfen und nich die janze Zeit nur vor der eigenen Haustür fegen. Ick gloobe wenn wir ditt schaffen zu erhalten, dann ham wa am Ende vielleicht sojar datt beste aus beiden Welten.

In diesem Sinne: Danke an alle, die mit anjepackt ham, die jeholfen ham diesen Umbau in so kurzer Zeit zu stemmen. Hätte nur eener von euch jefehlt, wär dat hier nich sone schicke Kiste jewordn. Naja, dit eene Zimmer müssn wa morgen noch fertich machen, aber davon mal abjesehn – Prösterchen und juten Hunger!