Christopher Heyder

Nichts als Luft schneiden

Ein junges Mädchen, das im Rudersport zwischen Leistungsdruck und Annäherungen einen Platz für sich auf dem Wasser findet. Auszug einer Kurzgeschichte, basierend auf den Erinnerungen von M. U.

| 5 min
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Grasnarbe

Wir haben dich auch lieb, wenn du verlierst, Nele.

Während sie den zweiten Ausleger an ihrem Boot montieren wollte, krampfte ihr Bauch so heftig zusammen, dass sie sich auf ihre Knie stützen musste und der Ausleger ins Gras fiel. Sie hätte sich auch gerne hingelegt. Aber neben ihren Füßen tauchten die Laufschuhe ihres Trainers auf und deuteten in Richtung Boot. Warum auch immer er Laufschuhe trug. Er legte eine Hand auf ihre Schulter, als ob er ihr beistehen könnte. Der nächste Krampf krümmte sie noch tiefer und seine Hand blieb in der Schwebe zurück. Er montierte besser schon mal den Ausleger an ihrem Boot.

Sie war bei diesen Landesmeisterschaften nicht in der Leichtgewichtsklasse, sondern in der offenen Gewichtsklasse angemeldet worden, weil dort nur eine Andere antrat. Wodurch Nele automatisch zu den besten Zwei gehörte und sich für die Deutschen Meisterschaften in drei Wochen qualifizierte. Es war wirklich egal, ob sie gewann oder verlor.

Ihr Trainer verstaute den Schraubenschlüssel. Ihr Boot war bereit. Bevor er es nochmal mit der tröstenden Hand probieren konnte, richtete sie sich auf, streckte sich und dehnte ihren Körper zu beiden Seiten, in der Hoffnung den Knoten etwas zu lockern. Er blieb -- aber alles andere kam in Bewegung: Das Boot ins Wasser setzen, die Skulls einlegen, einsteigen und vorsichtig abstoßen.

Sie ruderte am Rand der Rennstrecke vor zum Start und blickte immer wieder über ihre Schulter, um nicht in die Bahn zu geraten. Jemand fuhr gerade durchs Ziel. Sie konnte nicht erkennen, ob da Freude oder Erleichterung war. Nele reihte sich in die bereits Wartenden ein. Sie konnte nicht sagen, gegen wen von ihnen sie antreten würde. Vielleicht ist sie ja krank geworden.

Der langgezogene Ton aus dem Megaphon setzte die nächste Reihe Boote mit einem Schlag in Bewegung. Auf dem Dammweg brüllten die mitradelnden Trainer:innen durcheinander. Auf der Böschung saßen Familie und Freund:innen wie beim Picknick und feuerten an. Ob sie wussten, dass beim letzten Rennen eine im Ziel kollabiert war?

Ihr Trainer klingelte auf seinem Fahrrad von der anderen Seite herüber. Gleich gehts los! Wie gut, dass er das Offensichtliche nochmal aussprach. Die nächste Gruppe wurde ausgerufen und ein paar Boote schoben sich auf die Startlinie. Während sie auf das Signal warteten, verharrten ihre Körper wie Statuen. Die Jüngeren, die hinter den Booten auf schwimmenden Schaumstoffblöcken lagen und die Boote in Position hielten, schwappten gelangweilt auf und ab.

Außer Nele blieb nur eine weitere Kandidatin in ihrem Alter übrig. Ihr Aufruf schallte übers Waser und sie brachten sich vor jeweils einem Schaumstoffblock in Position. Der Kleine griff nach Neles Heck und hielt es fest. Aber der Wind verschob immer wieder ihren Bug. Sie versuchte sich mit ihren Skulls parallel zum Ufer zu halten. Ihr Trainer erinnerte sie an die richtige Haltung für den Start. Sie war bereit, ihr Körper gespannt.

Mit dem Signal entlud sich ihre Bein- und Armmuskulatur durch Skulls und Stemmbrett auf Wasser und Boot. Jeder Zug beschleunigte den Rumpf. Die Stimme ihres Trainers drang noch heran, aber nicht mehr zu ihr durch. Das Geschreie nervte. Sie liebte es, wenn das Boot wie von selbst unter dem Rollsitz durchglitt. Die ganze Bewegung wurde ein Fluss und sie legte noch mehr Kraft hinein. Sie führte, das andere Boot folgte leicht zurückgesetzt. Sie musste den Vorsprung nur noch halten.

Nele! Das andere Boot schien von ihr wegzudriften. Gegensteuern! Das Ufer auf ihrer Seite war viel zu nah. Als sie über ihre Schulter sah, um herauszufinden wie sehr sie gegensteuern musste, rastete ihr Kiel schon in der Grasnarbe ein. Ihr Trainer schmiss sein Fahrrad hin, sprang die Böschung hinunter und setzte den Bug zurück ins Wasser. Überhaupt nicht schlimm, aber du musst durchs Ziel. Etwas in ihr sackte zusammen. Sie fuhr die restliche Strecke mit gleichmäßigen Zügen und achtete auf die Ausrichtung des Rumpfes. Bloß nicht nochmal anlanden.

Zitronen

Auf der Rückfahrt verlor sich ihr Blick immer wieder in der vorbeiziehenden Landschaft. Es war ja sowieso unwahrscheinlich gewesen, dass sie in der offenen Gewichtsklasse gegen eine gewinnen würde, die so viel Muskelmasse aufbauen konnte wie sie wollte. Normalerweise startete Nele wie die meisten als Leichtgewicht und musste immer darauf auchten, nicht schwerer als 52,5 Kilogramm zu werden. Ansonsten hieß es nämlich vor dem Rennen gewichtmachen: Mit zwei Pullovern bei 30 Grad Celsius auf dem Ruderplatz hin und her joggen -- ohne gefrühstückt zu haben, ohne zwischendurch etwas zu trinken -- und die 350 Gramm zuviel abschwitzen. Danach einen Berg Spaghetti reinknallen, um dem Körper für das Rennen irgendwas zum Verbrennen zu geben und dann natürlich trotzdem verlieren.

Am Abend fuhr ihr Abbild über den straffen Bauch im Badezimmerspiegel, tastete nach seiner Festigkeit. Sie wog sich jeden Morgen. Ihr Frühstück bestand aus einem Zitronenjoghurt. Nach dem Training schaufelte sie Nudeln, weil ihr Körper das brauchte. An Tagen ohne Training machte sie vor dem Schlafen 80 Situps oder joggte auf der Stelle. Sie war fit.

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