Christopher Heyder

Pelargonium Zonale

Ein älterer Mann erinnert sich daran, wie er mit seinen Kumpels zum Männertag um den See geradelt ist, als er noch nicht den 100-jährigen Familienbetrieb übernommen hatte. Ein Kurztext, entstanden während eines dreiwöchigen Aufenthalts in Lindenberg. Basierend auf den Erinnerungen von H. H.

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Dann sitzt du da, auf dem blanken Fundament deiner zukünftigen Terrasse, blickst auf deinen Garten, blickst über das Feld bis zur Allee und die Sonne geht unter. Du sitzt in einem Plastikstuhl, wie ihn alle irgendwo haben, auf deiner vermutlich letzten Baustelle: Ein ehemaliger Kühlcontainer, aus dem schon die Löcher für die Fenster herausgeflext wurden, die Terrasse bereits mit dicken Balken überdacht und hinter einer Glaswand, die Sauna.

Heute sitzt du hier und trinkst Bier. Heute ist Männertag und in deinem Badeteich badet schon wieder irgendein Vogel. Früher bist du mit deinen Kumpels um den ganzen See gefahren. Habt euch an der Trafostation getroffen, oder dort den ersten Halt eingelegt, völlig egal, Hauptsache Goldkrone und Nordhäuser Doppelkorn. Als Scherz, du könntest dann beim Fahren noch mehr Korn verarbeiten, hast du dir sogar einmal den Sattel eines alten Mähbinders aufs Fahrrad geschweißt. Aber selbst dann konnte von Fahren überhaupt nur die Rede sein, wenn der Sonnenschirm, den Lutz sich an seine Sattelstange geknippert hatte, nicht wieder mit seinen Fransen an irgendeinem Ast hängen blieb, Lutz aus dem Gleichgewicht und vom Weg abkam, im Graben landete, zugedeckt vom Blümchenmuster des Sonnenschirms einfach liegen blieb und alle anderen vor Lachen von ihren Rädern kippten und sich endgültig auf dem Boden ablegen mussten, als Lutz sich mit seinem Fahrrad und den Worten „Imma b'reit“ aus dem Graben erhob und ihm der Schirm wie eine abgeknickte Blume ins Gesicht hing.

Lutz ist schon seit über zehn Jahren tot. Am zweiten Weihnachtsfeiertag, du warst noch bei ihm. Zum Abschied gabst du ihm die Hand. Zwei Stunden später war er nicht mehr.

Meistens habt ihr am See noch eine Rast eingelegt, einen kleinen Grill angefeuert, Speck gebraten, Schnaps getrunken, euch gegenseitig ins Wasser geschubst und auf den See geschaut. Und dann mit einem Mal Klamotten runter und rein gerannt. Wer sich gesträubt hat, wurde geholt, wurde reingetragen und in voller Montur versenkt. Die einen sind nochmal rausgeschwommen und die anderen zurück ans Ufer, nahmen das letzte Stück Schinken vom Rost, das Rost vom Grill, sammelten Äste aus dem Wald und häuften sie auf die Glut. Natürlich hat es irgendwer dann wieder übertrieben und eine halbe Baumkrone draufgelegt. Natürlich ist der ganze Spaß dann umgekippt und natürlich hat der Sonnenschirm, der bis eben noch als Windschutz diente, Feuer gefangen, woraufhin Lutz mit dem brennenden Schirm und großen Schritten auf den See zusprang, unterwegs verglühten ein paar gelöste Fetzen in der Luft verglühten und er die gesamte Chose ins Wasser warf. Das waren so eure Momente.

Auf dem letzten Stück blieben die ersten schon auf der Strecke. Wer nach der hundertsten Karambolage einfach neben der Straße liegen blieb, weil der Gleichgewichtssinn nicht mehr ausreichte, um gegen die Schwerkraft anzukommen, oder wer beim sonst wie vieltesten Schnapsstopp sich nur kurz auf den Boden setzte, sich nur kurz ausruhen wollte, aber direkt einschlief, für diejenigen wurde der nächstbeste Teppich geholt, besagte Person darin wie eine Kohlroulade eingewickelt und vor der eigenen Haustür abgeliefert.

Die Übrigen zogen noch weiter zu Fünfhausen ins Nachbardorf, ließen die Fahrräder an Ort und Stelle ins Gras fallen und sich selbst auf die Holzgarnitur im Vereinszimmer. Der alte Fünfhausen brachte mehr Bier, mehr Schnaps, vielleicht mal einen Kaffee und dazu wurde gequarzt, bis die Decke nicht mehr zu sehen war. Damals noch mit Außentoilette, verschwanden immer wieder Leute nach draußen, um Platz für mehr Bier zu schaffen und bei der Gelegenheit einander die Fahrräder zu verstecken. Ein bekanntes Spiel, dem sich manche schon durch besondere Raffinesse versuchten zu entziehen. Denn wer einmal stocken finster bei Fünfhausen herausstolperte und noch drei Kilometer bis zum eigenen Bett vor sich hatte, hatte meist keine Lust, noch das eigene Fahrrad zu suchen und im schlimmsten Fall die ganze Strecke zu laufen, weil es in einem Baum hing. Ernst Walter hatte vorgesorgt und blieb mit aller Ruhe auf seinem Platz sitzen. Er ging wirklich nur raus, wenn er aufs Klo musste. Denn er hatte sein Fahrrad angeschlossen. Er hatte aber auch noch einen Knochen in seiner Satteltasche. Also hast du den Rahmen hinten oben auseinander geschraubt und so weit auseinander gezogen, dass bei seinem Aufbruch nur noch das Schloss am Ständer hing.

Das waren so eure Schoten. Ihr wart die Kerle, ne richtige Truppe. Aber irgendwann fing das an sich zu verlaufen. Da kam die Hochzeit, Familie, Kinder und der Betrieb deiner Eltern. Und so einen Betrieb übernimmt man nicht mal eben. Von klein auf hast du mit jeder neuen Lieferung von Jungpflanzen, an der Seite deines Vaters gelernt, sie auf Sortenreinheit, Schädlinge und Transportschäden, die Qualität ihrer Wurzeln und Triebe zu beurteilen. Mit jeder weiteren Schaufel verinnerlicht, welche Mischung aus Torf, Sand und Kompost einen guten Mutterboden ergibt. Und wie man die Temperatur im Gewächshaus selbst lange Winter hindurch über dem Minimum hielt, hast du noch vom Kohleofen selbst gelernt. Du bekamst die Augen und Hände deines Vaters, so wie er sie von seinem bekommen hatte.

Gleichzeitig hast du immer deinen eigenen Strich gezogen, expandiert und ausgebaut. Ganze Tage bist du nur noch zwischen den losen Papierstapeln, die sich in deinem Büro ausbreiteten wie Bodendecker, den sauber aufgereihten Töpfen auf den Kulturtischen im Gewächshaus sowie der Kasse am Verkaufsthresen hin und her, von frühmorgens bis spätabends. Solange bis du irgendwann nachts allein im gedimmten, lila-stichigen Kunstlicht des Gewächshauses sitzt und sich in der tintenblauen Glasdecke über dir reihenweise aufrecht stehende Geranien spiegeln – Pelargonium zonale.

Dein Großvater hat die Gärtnerei gegründet, nachdem er aus dem ersten Krieg zurückkam und sich nicht mehr während des Heimaturlaubs vor einen Achswagen schmeißen brauchte, um dann nach einem Jahr Festung doch wieder vor Verdun im Graben zu liegen. Er hat sie gegründet und durch den zweiten Krieg gebracht. Währenddessen war er sogar Bürgermeister im Ort. Aber als im zweiten Krieg dann auch noch sein zweiter Sohn fiel, nahm er das Hitlerbild von der Wand und hat es kaputt gekloppt. Dein Vater schrieb zur selben Zeit aus Frankfurt:

Ich weiß nicht, wo wir hinkommen. Ich bete jeden Abend. Habe nicht auf euch gehört. Jetzt muss ich die Suppe auslöffeln, die ich mir eingebrockt habe.

Er hat den D-Day miterlebt, am dritten Tag kam er in Gefangenschaft. Sie wurden auf einem Acker zusammengepfercht, Stacheldraht drum, alle hinsetzen. Wenn jemand aufstand wurde drüber geschossen. Kein Wasser, kein Essen. Nach zwei Tagen war der Acker abgemäht. Er hat die Gärtnerei dann an der Verstaatlichung vorbei und trotz des Fehlens von Material und allem Möglichen die DDR hindurch erhalten.

Dann hast du sie übernommen und nicht nur durch die Wende gebracht, sondern auch noch vergrößert. Du warst so zerstreut, nachdem du das Kaufgebot für das neue Grundstück abgegeben hattest, dass du auf dem Rückweg von Berlin eine Stunde lang in die falsche Richtung gefahren bist.

100 Jahre Geschichte siehst du in den Geranien, fortgesetzt mit einem eigenen Leben. Ihr habt allen Umbrüchen zum Trotz Form angenommen wie die #emph[terra cotta], die gebrannte Erde. Und jetzt sitzt du in diesem 100-jährigen Topf auf deiner Terrasse und hast Angst, dass er zerbricht.

Aber sowohl Erde als auch Pflanze brauchen ihn nicht.